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Schmerzen beim Pferd

von Ulrike Eckert

Pferde schreien nicht vor Schmerzen - trotzdem leiden sie …

Das große Warmblut nimmt nicht wieder zu. Vor zwei Monaten hat der Wallach angefangen, Gewicht zu verlieren. Jetzt sieht man die Rippen unter dem feinen Fell. Die Besitzerin macht sich Sorgen: kann das mit dem Hufgeschwür zusammenhängen, dass ihr Pferd damals hatte? Aber warum nimmt der Wallach nicht wieder zu, wenn der Huf doch wieder heil ist … ?

Chronische Schmerzen kann man einem Pferd anmerken. Die Anzeichen sind allerdings fein. Denn das Fluchttier Pferd möchte keinem Raubtier zeigen, dass es geschwächt ist - das wäre eine tödliche Dummheit. Und so verbergen auch unsere domestizierten Pferde ihre Schmerzen.

Das Verbergen der Schmerzen heißt aber nicht, dass sie sich nicht auf das Pferd auswirken: eine Schmerzkrankheit gibt es wahrscheinlich auch bei Pferden. Wahrscheinlich schreibe ich nur deshalb, weil sie nicht wissenschaftlich beim Pferd erforscht wurde. Aber Pferde reagieren auf chronische Schmerzen auch körperlich: mit Abmagerung. Mit Verhaltensänderungen wie Apathie oder Unleidligkeit. Mit Interesselosigkeit, mit Unruhe oder mit dem Versuch, vor ihren Schmerzen wegzulaufen - auch unter dem Reiter.

Anzeichen für Schmerzen können sein

  • Akute Schmerzen erkennt man bei seinem Pferd gut: es lahmt plötzlich, schlägt nach seinem Bauch, ist unruhig – um nur ein paar Anzeichen zu nennen. Jeder, der Pferde kennt, kann solche Anzeichen leicht erkennen - plötzlich benimmt das Pferd sich ganz anders als sonst.

Aber chronische Schmerzen entwickeln sich meist schleichend und unbemerkt. Und vor allem: undeutlich.

Deshalb sind unsere Pferde darauf angewiesen, dass wir sie gut genug kennen und aufmerksam genug. Denn es sind nur kleine Anzeichen, nur geringe Veränderungen, mit denen sie Schmerzen zeigen. Und dazu kommt noch, dass sie bei jedem Pferd individuelle anders sein können.

Mögliche Anzeichen für Schmerzen sind, wenn ein Pferd:

Verhaltensveränderungen

  • plötzlich zum Menschen oder anderen Tieren gegenüber aggressiv ist, z.B. die Nachbarn bedroht
  • viel weniger frisst als früher
  • öfter mit teilnahmslosem Blick, zusammengebissenen Zähnen, glasigen Augen und nach hinten gerichteten Ohren dasteht (siehe Bild unten).
  • beim Putzen unwillig reagiert. Rücken wegdrücken, Ausweichen oder gar Drohen sind deutliche Anzeichen dafür, dass etwas nicht stimmt
  • mit den Freunden nicht mehr spielt, sondern müde herumsteht
  • nicht mehr angebunden werden muss, weil es "so brav geworden ist"
  • mehr schläft und / oder mehr liegt als früher

beim Reiten

  • beim Satteln droht oder den Rücken wegdrückt, oder beim Aufsteigen plötzlich nicht mehr stehenbleibt
  • immer fauler, langsamer und unwilliger wird
  • auch das Gegenteil, wenn ein eigentlich gelassenes Pferd immer hektischer und heißer wird - die "Rennsemmel"
  • beim Reiten scheinbar grundlos durchgeht, steigt oder buckelt (Jeder Mensch weiß, wie schmerzhaft es ist, wenn man "Schief geschlafen hat". Ähnliches kann auch einem Pferd passieren, auf der Weide, aber auch sogar in der Box. Wenn das sich nicht wieder löst, bleibt jede Bewegung schmerzhaft. Wenn man als Reiter dann versucht, auf der Wendung zu bestehen, auf der Biegung, die gestern doch noch klappte, kann sich ein Pferd ganz massiv wehren. Selbst Steigen oder Durchgehen ist dann möglich.)
  • nur noch auf einer Hand angaloppiert
  • wenn Biegungen oder Übungen, die bereits gut klappten, wieder nur mit viel Druck gelingen

körperliche Veränderungen

  • verhärtete, angespannte Muskelpartien. Wenn ein Pferd ein Körperteil schont, bedeutet das, dass andere Muskeln ständig arbeiten müssen. Diese werden überbelastet. Sie verhärten sich (schmerzhafter Hartspann) und können sich entzünden.
  • trotz genügend Training Muskeln abbaut
  • Gewicht verliert - bei gleicher Fütterung

chronische Schmerzen

angebundenes Schimmelpony
Apathie und Abmagerung durch chronische Schmerzen bei Magenentzündung - der Schimmel "kann einfach nicht mehr"

Schmerzen verursachen Veränderungen im Hormonsystem: Das Adrenalinsystem wird aktiviert - die sogenannte Fight-or-flight-Reaktion. Sie hilft dem Pferd, im Notfall schnell weglaufen zu können. Und das Cortisonsystem hilft, sich an Stress anzupassen. Es hält den Blutzuckerspiegel hoch, damit die Energie für das Wegrennen geliefert wird (unter anderem). Beide System sind effektive Helfer, um besondere Anforderungen bewältigen zu können. Dauert der Zustand aber zu lange an, können sie zu einem Problem für das Pferd werden. Und vor chronischen Schmerzen kann ein Pferd nicht fliehen. Hier kann nur der Mensch helfen …

Das Schmerzgesicht beim Pferd kann man erkennen, leider manchmal nur schwer. Besonders schwer beim Isi mit langen Winterfell … Inzwischen gibt es wissenschaftliche Versuche, diese Veränderungen festzumachen - an der Ohrenstellung, an der Mimik der Augen, den feinen Falten in einem Pferde-Gesicht.

Ein schöner Blog-Beitrag (Herzenspferd) zeigt die Veränderungen der Mimik beim Pferd, wenn es unter Schmerzen leidet. (Achtung, der Link öffnet in einem neuen Fenster).

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